Was 15 Jahre Weihnachtskarten über den Wandel erzählen
Eine unfreiwillige Chronik – und einige Beobachtungen im Rückspiegel.
Seit 2010 verschickt PUETTGEN Consulting jedes Jahr eine illustrierte Weihnachtskarte. Gezeichnet von unserem Freund Till Laßmann. Was als kleiner Gruß begann, ist über die Jahre zu einem unfreiwilligen Change-Tagebuch geworden – einem Spiegel dessen, was uns in anderthalb Jahrzehnten umgetrieben hat.
Heute früh habe ich alle 15 Karten nebeneinander gelegt. Einfach so, aus Neugier. Und dabei sind mir Linien aufgefallen, die wir so natürlich nicht geplant hatten. Umso interessanter, dass sie trotzdem da sind. Ein vorweihnachtlicher Rorschachtest?
Vom Surfen zur Erschöpfung
2010 surft der Santa die Veränderungswelle. Wer clever ist, schnappt sich ein Brett. Das war der Sound der frühen Zehnerjahre: Agilität als Antwort auf so ziemlich alles. In unseren Workshops ging es damals viel um Aufbruch, um Möglichkeiten, um „wir packen das”.
2024 klingt anders. Da steht ein Fuchs am Wegrand und kommentiert: „Jeder hat ‘ne Meinung, aber keinen zum Reden.” Aus Surfen wurde Scrollen. Die Energie ist noch da – aber sie fließt zu großen Teilen ins Smartphone. Und in den Workshops reden wir häufiger über Erschöpfung als über Aufbruch.
Die schleichende Politisierung
Die ersten Jahre bleiben schön metaphorisch und abstrakt: Wellen, Funk, ein Weltuntergang, der dann doch ausfällt. Ab 2013 wird’s konkreter. Snowden, Pegida, Trump, Brexit, Impeachment – die Karten werden kantiger und politischer.
Das spiegelt auch, was in unserer Beratungspraxis passiert ist. Ich erinnere mich an Workshops, in denen es eigentlich „nur” um Führung gehen sollte. Plötzlich sprachen wir über Haltung und Positionierung, um die Frage, ob Unternehmen überhaupt politisch sein dürfen. (Spoiler: Sie sind es längst, ob wir es wollen oder nicht.)
Organisationen konnten sich irgendwann nicht mehr abkoppeln. Sie wurden Akteure in der gesellschaftlichen Meinungsbildung – manchmal freiwillig, oft unfreiwillig, selten vorbereitet.
Von der Überwachung zur Isolation
Ein roter Faden, der sich durch die Jahre zieht:
2013 hört die NSA mit. 2020 entscheidet Amazon, ob Weihnachten stattfindet. 2024 starren alle aufs Handy – inklusive der Rentiere, die ja die PS (oder besser RS?) auf die Straße bringen sollen…
Die Technologie wandert von Überwachung über Abhängigkeit zur Isolation. Kein Fortschrittsnarrativ. Eher eine Warnung, die wir jedes Jahr ein bisschen deutlicher gezeichnet haben, ohne das zu merken. Ist das schon reaktionär oder bloß der ganz normale Lebenszyklus?
Der Verlust des Gesprächs
2016 antwortet das Volk noch gemeinsam – wenn auch mit „Jein”. 2021 gibt es einen Appell: Mund auf, hinschauen, hinhören, handeln. Vier aktive Santas statt drei passiver Affen. Aber 2024 zeigt sich als besonders düsteres Jahr: der Dialog gecancelt, verstummt oder verkniffen und „jeder hat ‘ne Meinung, aber keinen zum Reden.”
Das ist wohl der Trend, der mich am meisten beschäftigt. Nicht Konflikt – mit dem kann man arbeiten. Sondern Sprachlosigkeit. Ich sehe das auch in Organisationen: Viele reden, deutlich weniger hören zu. Und irgendwann lässt man es bleiben, weil es sich eh nicht lohnt. Das ist gefährlicher als jeder Konflikt.
Ironie als Schutzschild
Alle 15 Karten arbeiten mit Wortspielen und Ironie. James Brown auf einer Weihnachtskarte? Klar. „XmasXit” als Brexit-Variante? Warum nicht. Aber der Ton verschiebt sich. Die frühen Jahre sind verspielt, die späteren klingen leiser. Die Ironie bleibt, aber sie trägt mehr Gewicht. Sie schützt vor Pathos – und macht gleichzeitig sichtbar, dass da keine einfachen Antworten sind.
Vielleicht ist das der ehrlichste Umgang mit Komplexität, den wir gefunden haben: Sie nicht auflösen wollen, sondern ihr mit einer schrägen Perspektive begegnen. Nicht zynisch. Eher: wachsam.
Geschichte wiederholt sich – aber schief
2018 wird es explizit: Wenn Geschichte sich wiederholt, wird es höchste Eisenbahn, ein paar Karmapunkte zu sammeln.
Das ist keine Fortschrittserzählung. Die Karten erzählen keine Heldenreise, keinen Aufstieg, kein „und dann haben wir’s geschafft”. Eher Variationen über ein Thema: Wie gehen Menschen mit dem Ungewissen um?
Die Antworten ändern sich. Die Frage bleibt.
Was bleibt
Die Serie dokumentiert einen Stimmungswandel – von der Zuversicht, Veränderung gestalten zu können, hin zu einer nüchterneren Frage: Können wir überhaupt noch gemeinsam über Veränderung sprechen?
Ehrliche Antwort: Ich möchte das gerne bejahen.
Und ich glaube, es ist eine Frage der Entscheidung. David Foster Wallace nannte es „consciousness” – die bewusste Wahl, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Raus aus dem Default-Modus, in dem jeder im eigenen Stresszentrum um sich selbst kreist. Rein in die Perspektivenvielfalt, andere tatsächlich zu sehen.
Für Führung heißt das konkret: Räume bauen, in denen Gespräch möglich bleibt. Teams, Netzwerke, Organisationen als soziale Systeme, die Offenheit und Anspruch verbinden. Psychologische Sicherheit meets hoher Leistungsanspruch – nicht entweder oder. Denn Schweigen ist teuer, aber Kuschelkurs ist eine Illusion.
Das klingt nach Arbeit. Ist es auch. Aber es ist die Art von Arbeit, die sich lohnt: die wiederholte Entscheidung, die eigene Ich-Zentrierung zu bemerken, Perspektiven zu integrieren, Brücken zu bauen. Nicht als Programm. Als Praxis.
Die Karten zeigen, wie viel sich verschoben hat.
Sie zeigen aber auch: Wir haben jedes Jahr weiter gezeichnet. Weiter beobachtet. Weiter gefragt. Das ist vielleicht schon die halbe Antwort.
Danke, Till Laßmann, für anderthalb Jahrzehnte gemeinsames Hinschauen. Die nächsten fünfzehn können kommen.
Christoph Püttgen PUETTGEN Consulting

(2010) Weihnachtsmann surft die Veränderungswelle – die einen tauchen ab, die anderen gehen surfen.
(2011) Wenn das Feuer der Veränderung FUNKt, rufen manche die Feuerwehr – andere „James Brown“.
(2012) Nostradamus’ Apokalypse bleibt aus, das Gras wächst leise weiter – Gelassenheit beats Weltuntergang.
(2013) Obama-Santa verwechselt Frau Holles Snow mit Snowden – die NSA hörte mit, auch an Weihnachten.
(2014) Zwischen DeLorean und Santafisten: Manche wollen in die Zukunft zurück, andere aus ihr heraus.
(2015) Pegida, VW-Abgasskandal, „Wir schaffen das” – wenn Change das Volk, Volkswagen oder Volker frisiert.
(2016) Trump im TV fragt nach der „totalen Ansichtssache”, das Volk antwortet kollektiv: „Jein!”
(2017) Das Brexit-Virus mutiert zum XmasXit – Separatisten aller Länder, vereinzelt euch!
(2018) Wenn Geschichte sich wiederholt, wird es höchste Eisenbahn für ein paar Karmapunkte.
(2019) Weihnachtsmänner in der Umkleidekabine debattieren Body Positivity: „In peach man?” – „Impeachment!”
(2020) New Normal Rule: Wenn Amazon hustet, bekommt Santa die Grippe – und Alexa bestellt Klopapier.
(2021) Die drei Affen werden aktiv: Mund auf, hinschauen, zuhören, handeln – Zuversicht ist eine Strategie.
(2022) Trotz mancher „deplorable things”: Die Dankbarkeit für vertrauensvolle Partner überwiegt.
(2023) „Energy flows where attention goes” – Taylor Swift, Barbie oder doch Rudolf als Person of the Year?
(2024) Das Peterle-Fox-Prinzip: Jeder hat ‘ne Meinung, aber keinen zum Reden.