Über Vertrauen und kritisches Denken

Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch, das einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Es fand auf einer Konferenz statt, kurz nachdem ich meinen Vortrag beendet hatte. Ein pensionierter Professor der Pädagogischen Psychologie kam auf mich zu. Seine wachen Augen und die Art, wie er sich aufmerksam vorbeugte, zeigten mir, dass mein Vortrag eine Saite in ihm zum Klingen gebracht hatte.
Ich hatte Unternehmen kritisiert, die Angst instrumentalisieren, um Veränderung voranzutreiben – und das schien beim Professor einen Nerv getroffen zu haben.
Er erzählte, dass er sein Leben damit verbracht habe, Prinzipien der Positiven Psychologie in die Gesellschaft zu tragen. Doch seine Stimme verriet tiefe Traurigkeit, als er seine Sorge über die wachsende Welle der Angstmacherei und die faschistischen Untertöne aussprach, die sie oft begleiten: „Einige der Werte, die uns teuer sind, für die wir gekämpft und die wir gesichert geglaubt haben, sind nicht mehr garantiert.”
Dieser Satz ist mir geblieben und beschäftigt mich bis heute.
In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz immer allgegenwärtiger wird, stehen wir hochentwickelten Werkzeugen gegenüber, die uns meisterhaft manipulieren können. Die Algorithmen sozialer Medien sind darauf ausgelegt, unsere bestehenden Überzeugungen und Vorurteile zu verstärken, und schaffen Echokammern, die uns weiter polarisieren und spalten. Diese manipulativen Taktiken, oft getrieben von einer Propaganda, die sich von Angst und Spaltung nährt, untergraben das Vertrauen in demokratische Institutionen und drohen, die Grundfesten unserer Gesellschaft auszuhöhlen.
In Krisenzeiten suchen Menschen ganz natürlich nach einfachen Lösungen. Sie fühlen sich womöglich zu jenen hingezogen, die Gewissheit versprechen – selbst wenn diese irreführend oder manipulativ ist. Diese Neigung können Führungspersonen und Organisationen ausnutzen, um Macht und Kontrolle zu gewinnen.
Als Gesellschaft müssen wir unseren Fokus darauf verlagern, konstruktives, kritisches Denken zu fördern und Vertrauen in unseren alltäglichen Begegnungen zu kultivieren. In seinem Buch „Think Again” argumentiert der Organisationspsychologe Adam Grant, dass die Bereitschaft, unsere Überzeugungen und Ideen neu zu überdenken, entscheidend ist, um sich an veränderte Umstände anzupassen und sich nicht manipulieren zu lassen. Kritisches Denken kann als Schutzschild gegen jene spaltende Rhetorik dienen, die Angst ausbeutet und Vertrauen untergräbt. Wenn wir eine Haltung des kontinuierlichen Lernens und Hinterfragens annehmen, können wir den Verlockungen einfacher Antworten widerstehen und eine Kultur des Vertrauens und des kritischen Denkens pflegen.
Die Worte des Professors sind eine eindringliche Mahnung daran. Wir müssen den Verlockungen einfacher Antworten widerstehen und eine Kultur des Vertrauens und des kritischen Denkens pflegen – denn es steht schlicht zu viel auf dem Spiel.
Man muss gar nicht mit dem Finger auf die USA zeigen, wo Trumps Zustimmungswerte trotz – oder vielleicht gerade wegen – der beispiellosen Anklagen steigen. Auch hier in Deutschland haben wir unsere eigenen Probleme mit der „German Angst” und mit viel zu vielen potenziellen Wählerinnen und Wählern der AfD. Die Notwendigkeit, sich Manipulation und Angstmacherei zu widersetzen, beginnt vor unserer eigenen Haustür, wenn nicht in unseren eigenen vier Wänden.